Lasst Ai Weiwei im Sonderzug nach Pankow fahren!
Geschrieben von FW Berlin am 23. Juni 2011

Das Steuer-Strafverfahren gegen Ai Weiwei in China avanciert zum Politikum in den deutsch-chinesischen Beziehungen. Ai hatte aus Furcht vor politischer Verfolgung geplant, in Berlin ein Zweitatelier zu eröffnen. Seine Inhaftierung vor zweieinhalb Monaten löste weltweit politische Proteste aus, seine gestrige Freilassung auf Kaution kam einem skandalträchtigen politischen “Kunst-Attentat” auf die deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen zuvor.
Die in New York und Düsseldorf lebende Künstlerin Anura Thamardt, die sich als eine der Ersten mit einer Petition an den Deutschen Bundestag für eine politische Intervention zu Gunsten Ai Weiweis stark gemacht hatte, wollte den chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao in Berlin mit einer künstlerisch gestalteten Petition zur Freilassung Ai’s persönlich befassen. Dem Vernehmen nach spielte auch Udo Lindenberg mit dem Gedanken, seinen musikalischen “Sonderzug nach Pankow” dazu wiederauferstehen zu lassen – mit einem Songtext diesmal “nach Peking”.
Musikalische und literarische Bezüge zur Berliner Mauer
Ai ist ein Sohn des Schriftstellers Ai Quing, der über die Berliner Mauer 1979 dichtete:
Auch wenn sie noch so hoch, noch so dick, noch so lang wäre
So könnte sie doch nicht höher, dicker und länger sein
Als die große chinesische Mauer
Ist sie doch auch nur ein historisches Relikt,
Wunde eines Volkes
Wer freute sich schon über solch eine Mauer?
In der Perspektive der Zeilen seines Vaters ist Ai ein doppelt gebranntes Kind der totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts, wie auch von kaiserlicher Despotie. China hat es in der Hand, sich von diesen Systemen zu distanzieren. Und Ai Weiwei zu ermöglichen, die ihm an der hiesigen Universität der Künste angetragene Gast-Professur anzutreten.
中国大好き sagte
Danke für den Kommentar auf derstandard.at! http://derstandard.at/1308679661187/Die-Freilassung-Ai-Weiweis-Ai-Weiweis-Zukunft
Ai Weiwei released? « 中国大好き sagte
[...] Berliners for Ai Weiwei (He lost a lot of weight in prison, so he might as well have one!) [...]
Martin Winter sagte
Wir sprechen uns später
Ai Weiwei
Ich habe die schwächste Natur der ganzen Menschheit und überlasse mich ihrem Lauf,
In jedem Fall
In der Stadt
Drei Monate hab ich kein Kind gesehen,
Das Gummibälle verkauft, wie früher
Ganz ohne Lieder
Mit dem singenden linken Auge
Auf das rechte zielen.
Dann kommen die Leiden der Umzugs-Saison,
Überall neue Stellen begraben.
Ein großer Baum von der anderen Seite der Erde
Kommt hier als grünes Pflänzchen heraus.
Wer andere rettet, will sich selbst nicht retten.
Gott ist genauso gut wie früher.
Aber was ist mit meinen Knöpfen los?
Unaussprechliche Wünsche.
Du hörst
Ein Gerücht aus dem ehrlichsten Munde, aus klarer Quelle.
Doch die Nacht wurde von Träumen trocken gewrungen
Und übers Bett gehängt, vor dem Morgen.
Ich glaube, es gibt eine Generation, die wird am jüngsten bleiben,
die werden nicht versuchen, die Hände wegzunehmen
die ihnen die Hälse zudrücken.
Oh,
Leben, das sich aus Eitelkeit eine Bedeutung ausdenkt.
An beiden Enden der Telefonleitung
Dieselbe Verabredung dreihundert Mal vereinbart.
Deshalb
Geh nirgends hin
Sondern zerstreu die zuviel gesagten Worte.
Bei dieser Gelegenheit spazieren wir unsere Gehirnwindungen entlang.
Eine Katze schreckt die Menschen,
Doch sie wurde oft schon von Menschen geschreckt.
Und so verschwand sie mit einem Mal auf der unmöglichen Straße.
Lächelnden Gesichts, älter als früher.
Jeder Satz beschäftigt mit dem vorhergehenden.
Besser, als in dieser langen Schlange zu stehen
Wär’s, mir die Leere zurück zu geben.
Jetzt beginnen die Ferien.
Jemand sagt, dieses Jahr hat sich in den Geschäften zuviel Spielzeug angesammelt.
Deswegen propagiert nun die Welt das Vergnügen des Kinderkriegens.
Doch das ist ein gesetzloses Nichts.
So hat man mir gesagt
Wenn du es bist
Sprechen wir uns später wieder
(Dieses Gedicht von Ai Weiwei erschien 1987 in New York in der ersten Nummer der chinesischsprachigen Zeitschrift Eine Zeile/ Eine Reisegruppe [Yi xing/ yi hang])
Übersetzt von Martin Winter und Angelika Burgsteiner im Juni 2011