Bischof Woelkis Dissertation [in Köln] verschwunden
Geschrieben von FW Berlin am 5. Juli 2011
Der Tagesspiegel meldete heute Nachmittag, die beiden Belegexemplare der theologischen Doktorarbeit von Weihbischof Rainer Maria Woelki seien offiziell “verschwunden”. Die Dissertation hatte das Interesse der Journaille erregt, weil Woelki sie an der römischen Universität Santa Croce vorgelegt hatte, und die Hochschule von der als reaktionär verdächtigten Laienorganisation Opus Dei geleitet wird.
Woelki meinte an diesem Dienstagmittag bei seiner ersten Pressekonferenz in Berlin, die Kritik an Opus Dei basiere auf irgendwelchen „Romaninhalten“ (mehrere Bestseller der vergangen Jahrzehnte befassten sich mit zumeist fiktiven Verschwörungen in der katholischen Kirche). Die Anekdote aber, dass aus den Bibliotheken in Rom und Köln anscheinend gleichzeitig zwei Exemplare desselben Buches verschwinden, erscheint freilich ebenso eines Abenteuerromanes würdig. Die kirchlichen Bibliotheksverwaltungen in Rom und Köln werden sich erklären müssen.
Update 6. Juli 2011: Die Pressestelle des Erzbistums Köln konnte heute Nachmittag bestätigen, dass das Kölner Belegexemplar der Dissertation unauffindbar ist. Ob das andere Exemplar in Rom verfügbar sei, ließ man in Köln offen. Im Weiteren kümmere sich das Erzbistum Berlin um die Angelegenheit.
Update 7. Juli 2011: Blogger Tiberius sei Dank. Er hat auf den Kommentaren unseres Weblogs gleich zwei Exemplare von Bischof Woelkis Dissertation im Online-Katalog der Bibliothek vom Heiligen Kreuz nachgewiesen. Es gibt auch keinen vernünftigen Grund daran zu zweifeln, dass – anders als in der Diözesan-Bibliothek zu Köln – die Arbeit in Rom tatsächlich ausleihbar ist. Wir haben daraufhin die Überschrift des Artikels ergänzt.
P.S.: Mittlerweile wurde die Arbeit, die außerhalb der Hochschulen noch niemand in Händen gehalten, geschweige denn gelesen haben dürfte, unbesehen zur Plagiateforschung im Internet vorgeschlagen. Offenbar gereicht das zuweilen kritisierte PlagWiki-Verfahren zur Standardrezeption im außeruniversitären (profanen) Wissenschafts-Betrieb. Wessen Arbeit nicht von mindestens 40.000 Usern auf Unregelmäßgkeiten hin gescreent wurde, muss sich gesellschaftlich irrelevant vorkommen. Schön, dass Bischof Woelki auch über diesen Zweifel erhaben erscheint.
willvance sagte
Wahrscheinlich war es wieder einmal die Hand Gottes.
buchstaeblich sagte
Schade, ich hatte mich auf ein WoelkiPlag-Wiki gefreut.
Tiberius sagte
Kleiner Korrektur: 1. Rainer Maria ist nicht Erzbischof sondern Weihbischof. Er wird erst Erzbischof. 2. An der Universität in Rom sind beide Exemplare seiner Dissertation vorhanden und ausleihbar. Einfach mal einen Blick in den OPAC werfen.
Dr. Martin Klicken sagte
Wenn Sie ein Exemplar auftreiben können, kontaktieren Sie mich gerne unter klickensiehier@yahoo.de
Dann schaue ich es mir gerne an und scanne es nötigenfalls auch ein, um es ggf. in bewährter Weise für eine Untersuchung auf VroniPlag Wiki aufzubereiten.
Freundliche Grüße
Dr. Martin Klicken
(Beitragender im VroniPlag Wiki)
FW Berlin sagte
Wir vermuten hinter der Recherche des Tagesspiegel weniger ein Interesse an den wissenschaftlichen Qualitäten der Arbeit, sondern zu der Frage, ob Bischof Woelki weltanschaulich im Mainstream unterwegs ist. Darauf richtete sich auch eine Frage auf der Pressekonferenz vom Dienstag:
Was Bischof Woelki allerdings damit meint, dass die katholische Kirche “keine Moralanstalt” sei, erschließt sich uns (noch) nicht.
Und @Tiberius: Danke für die Hinweise auf den noch ausstehenden Vollzug der Ernennung (korrigiert) und auf den OPAC, gestern Abend konnten wir auf Anhieb den Autor Rainer Maria Woelki in der Metasuche des KVK nicht finden. Verraten Sie uns, welchen OPAC unter welcher URL Sie konsultiert haben?
Tiberius sagte
Der KVK ist in diesem Fall nicht geeignet. Er ist etwas zu grobmaschig. Die Dissertation steht in der Bibliothek der Universität vom Heiligen Kreuz, Rom: http://catalogo.pusc.it/cgi-bin/koha/opac-detail.pl?biblionumber=81706. In Italien ist es üblich, lediglich zwei Belegexemplare für die Universtätsbibliothek abzugeben. Das kann man relativ leicht in Erfahrung bringen. Es paßt natürlich nicht in die immer kürzeren Erregungszyklen unserer Öffentlichkeit.
Wenn Weihbischof Woelki sagt, daß die Kirche keine Moralanstalt ist, dann meint er: Die Kirche hat den Auftrag, zu lehren, was das Gute ist und was – in Abweichung davon – Sünde ist, aber nicht den Auftrag, auf andere mit dem Finger zu zeigen, und “Sünder, Sünder” zu rufen. Das wäre in der Kirche ohnehin ein Allgemeinplatz. Die Lehre der Kirche anzunehmen, bleibt jedem für sich selbst vorbehalten.
Alles andere ist Politik und hat für die Kirche zumindest normativ keine Bedeutung. Faktisch sind vor allem seit Reformation und Aufklärung die Begehrlichkeiten des Staates und der Politik – und sicher auch die Versuchung mancher Kirchenführer – gewachsen, die Kirchen zu einem Instrument der allgemeinen Sittlichkeit und Ordnung zu machen. Das hat Bischof Woelki für sich zurückgewiesen.
Dogmatiker sagte
Man kann ja darüber streiten, ob eine wissenschaftlich-theologische Fakultät eine Moralanstalt sei (m. E. ist sie es). Aber der Kirche selbst den Erziehungsauftrag zu sittlichem Verhalten abzusprechen, erscheint mir fragwürdig. Juristen als Inquisitoren einer säkularen Ordnung der Aufklärung ziehen sich für gewöhnlich mit der Redewendung aus der Affäre, sie hätten über Recht und Unrecht und nicht über Moral zu richten (was angesichts der nationalsozialistischen Barbarei in Richterroben rechtstheoretisch als widerlegt gilt). Wenn jetzt aber auch geistlich Ordinierte sich aus einem normativ verstandenen Amtsverständnis abseilen wollen, zeugt das nicht von dem gebotenen Mut zum Bekenntnis.
Und diesen Absatz von Glaubensbruder Tiberius:
kann man wohl mit Fug und Recht als jesuitisch bezeichnen! Tatsächlich haben Reformation und Aufklärung das Monopol der kath. Kirche gebrochen, mit dem Instrument der “Verwaltung” der allgemeinen Sittlichkeit und Ordnung einen schwunghaften (Ablass-) Handel zu betreiben.
Tiberius sagte
1. Davon, daß hier der Kirche selbst ein irgendwie gearteter “Erziehungsauftrag zu sittlichem Verhalten” abgesprochen werde, war nicht die Rede. Ich bitte, den Beitrag oben noch einmal zu lesen und mir Worte nicht in den Mund zu legen.
2. Der Handel mit Ablässen ist eine Verfehlung, die mit der von mir beschriebenen Entwicklung in keinem Zusammenhang steht. Ich bitte um mehr Sachlichkeit. Die von mir erwähnten Begehrlichkeiten und Versuchungen sind – wie ich selbst geschrieben habe – gewachsen, was durchaus einschließt, daß sie vorher – zum Beispiel im Mittelalter – vorhanden waren. Ein gutes Beispiel wäre das Verhalten der weltlichen Gerichtsbarkeit gegenüber Häresien. Die Prozesse, die einen wesentlichen Beitrag zu den insgesamt vollstreckten Todesurteilen leisteten, wurden oft geführt, um die öffentliche Ordnung im Interesse der Herrschenden zu bewahren.
Caesar sagte
Ist es nicht abstoßend, wie schamlos die Herrschenden die hl. Inquisition ausgenutzt haben? Das ist ja unerhört!
Ich bin froh, dass nach all den Jahrhunderten des Schweigens und der kirchenfeindlichen, gezielten Desinformation sich endlich jemand traut, diesen Zusammenhang einmal herzustellen.
Peter sagte
“Die Anekdote aber, dass aus den Bibliotheken in Rom und Köln anscheinend gleichzeitig zwei Exemplare desselben Buches verschwinden, erscheint freilich ebenso eines Abenteuerromanes würdig”
Ein Wunder, ein Wunder!
Brigitte Klingner sagte
Es ist schon mehr wie unglaublich. Das wäre ein Grund, dass er nie sein Amt hier antreten darf.
Er selbst wird ein Exemplar haben und müßte es eben zum Kopieren geben.
Wann endlich gehen die Christen auf die Straße? Beide Konfessionen werden lächerlich gemacht.
Gruss
Brigitte
dr. trahulski sagte
honi soit qui mal y pense….