Cicero-Chef Michael Naumann bekennt sich zum “Wulffen”
Geschrieben von FW Berlin am 16. Dezember 2011
Haben Sie auch schon mal sich über Compliance-Vorschriften Ihres Arbeitgebers hinweggesetzt, dadurch eine Menge Papierkram sich erspart und auch noch einige Hundert Euro Zinsaufwand pro Monat? Wenn ja, haben Sie “gewulfft”, und seit der gestrigen Erklärung des Bundespräsidenten können Sie es straflos auch zugeben. Aber wenn Sie nicht oder nicht mehr “wulffen”, das “Wulffen an sich” sogar verabscheuen: Behalten Sie das bloß für sich! Ein “durchgeknallter” (insoweit zitieren wir hier nur) Chefredakteur des Ringier-Magazins “Cicero” droht jeden anzuprangern, der es wagt, über das “Wulffen” anderer die Nase zu rümpfen.
Ausgangspunkt der Debatte um die Schicklichkeit des Wulffens war ein vielbeachteter Artikel des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher, der völlig zu Recht darauf hinwies, dass Wulffs verschwiegene Finanztransaktionen nicht hinreichen dürften, um ihn Rücktritt zu bewegen, ihn aber in der auf Jahre programmierten Debatte um die Moralität der Schuldenpolitik zum betretenen Schweigen verurteilen würden (was Schirrmacher im Prinzip bedauert).
Nun poltert der unter Schröder berufene frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann los, der – anders als der wertkonservative und jüngere Schirrmacher – der alten “gauche caviar” zuzurechnen ist. “Der Korruptionsverdacht, der in der causa Wulff mitschwingt, setzt nun Heerscharen von investigativen Reportern auf die Fährte. So lange sie nicht fündig werden, solange sollten die Flüsterer der politischen und journalistischen Klasse Berlins ihre eigenen Maßstäbe überprüfen,” schimpft Naumann. Und legt unbeabsichtigt den Finger in die Wunde: “So lange sie nicht fündig werden.” Das “Sich-Nicht-Erwischen-Lassen” des seligen Franz Josef Strauß, den auch Naumann in diesem Zusammenhang erwähnt, kennzeichnet Wulffs Einlassungen vor dem nds. Landtag im Februar 2010, über die Wulff gestern mitteilen ließ:
“Es wäre besser gewesen, wenn ich auf die Anfrage der niedersächsischen Abgeordneten im Landtag über die konkreten Fragen hinaus auch diesen privaten Vertrag mit Frau Geerkens erwähnt hätte, denn in der Sache hatte und habe ich nichts zu verbergen.”
Dass Wulff nichts zu verbergen hatte, ist insofern nicht richtig, als der Verstoß gegen das nds. Ministergesetz im Raume stand und steht, die eingangs erwähnte Compliance-Vorschrift, nach deren Ausführungserlass auch die Inanspruchnahme von zinsgünstigen Darlehen untersagt ist.
Man kann darüber streiten, ob Wulff der Kredit “in Bezug auf das Amt” angeboten wurden. Aber hätte er seine private Baufinanzierung im Februar 2010 nicht verschwiegen, was er nach seiner gestrigen Erklärung angeblich bereut, hätte die Parteivorsitzende Merkel im Juni 2010 die Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten Wulff wohl kaum angetragen – das Risiko für die CDU, in der Bundesversammlung mit Wulff durchzufallen, wäre höher gewesen, als es ohnehin schon war. Wulff kam also nach dem “Sich-Nicht-Erwischen-Lassen-Prinzip” zur Kandidatur und in das Amt des Bundespräsidenten.
Die Kontroverse zwischen Schirrmacher und Naumann ist insoweit erstaunlich, als das “Wulffen” eben nicht mit der “lässlichen Sünde” des Fringsens sittlich auf eine Stufe zu stellen ist. “Wulffen” ist sittlich geächtet jedenfalls unter Privilegierten (es geht nicht um die, die um das physische Überleben ihrer Familie ringen). Und das “Wulffen” lastet nachgerade wie ein Fluch auf der politischen Klasse, die für sich nicht in Anspruch nehmen kann, privilegiert genug zu sein, sich über ihre Vermögensverhältnisse allein dem Finanzamt erklären zu müssen.
Noch nie war die Glaubwürdigkeit der Weihnachtsansprache eines deutschen Bundespräsidenten mit einer derart monströsen Hypothek belastet. Unkenrufe, wonach die Fernsehansprache erstmals von Jörg Pilawa (“Rette die Million!”) moderiert werden soll und Wulff sein Geschick nicht als Mahner, sondern als gewiefter Taktiker unter Beweis stellen soll, treffen ins Mark.
Kleeblatt sagte
Interessanter Post – ich kann gar nicht fassen, was Naumann da geritten haben soll? Ich verstehe auch nicht, wie ein damaliger Ministerpräsident so instinktlos sein konnte, einen Privatkredit aufzuehmen, der – auch wenn er vorzeitig abgelöst wurde – ja doch irgendein Geschmäckle hinterlässt. Selbst wenn, wie nun der Spiegel berichtet, es da noch im Detail andere Blickwinkel (woher hat Geerkens Frau eigentlich 500.000 €), so würde ich niemals auf die Idee kommen, in einem Spitzenamt n i c h t bei der normalen Bausparkasse um die Ecke nach einem Kredit zu fragen? Hat der denn kein Bonität? Reicht das Kreditscoring eines Ministerpräsidenten denn auch nicht mehr aus?
Gruß vom bergmannstrassen-blog (bergmannstrasse.wordpress.com)
Nilfieber sagte
Und wenn er nun in Bückeburg oder Großburgwedel zur Sparkasse gegangen wäre und 3,68 % Zinsen abgemacht worden wären…wäre es dann losgegangen mit:’ Wie kann ein Ministerpräsident in seinem eigenen Bundesland nur einen Kredit aufnehmen. Ist doch klar, dass der da Sonderkonditionen bekommt. Jeder möchte sich schließlich gut mit ihm stellen….’ ?
Waren da nicht 500 000 Euro von jahrzehntealten persönlichen Freunden, die auch noch in der Schweiz leben, die elegantere Lösung. Und 4 % bei einem Privatkredit sind für beide Seiten in Ordnung, da gibt es nichts zu meckern.
Aber, wie auch immer er es gemacht hätte, irgendein Häkchen hätte sich wohl immer finden lassen.
Rhoenlerche sagte
Wer sich als Politiker in Funktion beim ehemaligen “Drückerkönig’” Carsten Maschmeyer ins Bett legt, wähnt sich halt auch bei so genannten Privatkrediten “vom Schrotthändler” als besonders privilegiert. Die Äußerungen des Bundespräsidenten zu diesem Vorgang ähneln denen des ehemaligen Verteidigungsministers bezüglich seiner Doktorarbeit.
Es stellt sich grundsätzlich die Frage: Formt die Politik solche Charaktere oder lässt sie überwiegend nur solche zu?
Michael Mühlen sagte
Das Strickmuster ist bekannt und so unendlich langweilig: schweigen, leugnen, scheibchenweises Eingeständnis bis zum grossen Knall, Rücktritt – natürlich ohne jedes Schuldeingeständnis, lediglich aus “Respekt vor dem hohen Amt”.
Nur zwei Fragen:
1. Wie kommt ein Ministerpräsident zur Annahme, dass ein Grosskredit eines befreundeten Unternehmens nicht nur rechtlich sondern auch moralisch einwandfrei sei?
2. Wer braucht noch Feinde, wenn er Freunde wie Herrn Geerkens hat?
Ralf Carls sagte
Locker bleiben liebe Leute,
Einen besseren Clown finden wir nicht, da gibt es noch ne Menge zu lachen.
Deshalb im Amt lassen. Ich setze mich schon jetzt für die 2. Amtszeit ein, dann hat er seine 20.000,00 € Pension redlich verdient. Ansonsten kriecht er bei Maschi unter. Dann hören und sehen wir nichts mehr von ihm.
Euer Fürst Pückler
Ilse Berg sagte
Definition für die Neuschöpfung des Wortes “Wulffen”:
Eigenabsolution mit selbstgebasteltem Heiligenschein.
Ilse Berg sagte
Mit dem Begriff “fringsen” hat “wulffen” nicht im Entferntesten etwas zu tun.